Autor Thema: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?  (Gelesen 3692 mal)

René

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Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« am: 2015-03-22, 11:00:09 »
Hallo Leute

bin gerade in der Zwickmühle, dass die örtliche Kirche die einzigen sind, die Vater-Kind-Wochenenden anbieten. Würde an so etwas gerne einmal mit meiner Tochter teilnehmen, fürchte aber, dass dann am Sonntagmorgen eine gemeinsame Götzenanbetung auf dem Programm stehen wird und Religion überhaupt auch eine gewisse Rolle spielen wird. Habe aber in einer kurzen Internetrecherche keine Alternativen in Göttingen gefunden (es gibt etwas von dem Umweltbildungsverein Arillus, aber erst für Kinder ab 6 Jahren). Ich für meinen Teil finde Leute von der Kirche oft angenehm, und könnte mir durchaus vorstellen, mit ihnen ein Wochenende zu verbringen – aber am liebsten eben nicht im kirchlichen Rahmen.

Mich würde interessieren, wie ihr damit umgehen würdet: Seht ihr das eher pragmatisch und schaltet bei den Religionselementen auf Durchzug? Oder findet ihr es unangemessen, als Atheisten von kirchlichen Angeboten zu profitieren und die Tatsache, dass die Kirche es ist, die in unserer Gesellschaft im sozialen Bereich einen großen Marktanteil hat, durch eure Teilnahme weiter zu legitimieren?

Viele Grüße
René

Rüdiger Ludwig

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Re: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« Antwort #1 am: 2015-03-22, 12:07:46 »
Hallo René,

ich halte das Thema für zu komplex, um es in der kurzen Abstimmung beantworten zu können.

Ich persönlich würde nicht an einer Freizeit, die von der Kirche organisiert ist, teilnehmen wollen. Selbst wenn man sich den Gottesdiensten entziehen könnte, würde das einen zu einem "Fremdkörper" in der Gruppe machen. Auch wenn ich den direkt Beteiligten keinen bösen Willen unterstellen würde, so ist dieser Gruppenzwang, dann doch teilzunehmen, sicherlich einer der Gründe, warum es solche Freizeiten gibt. Die Kirche ermöglicht Dir, mit Deiner Tochter so ein Wochenende zu verbringen, und alles was Du dafür machen musst, ist einmal an einem Gottesdienst teilzunehmen. Klingt harmlos, ist es aber meines Erachtens nicht wirklich.

Kann man den Spieß eventuell auch umdrehen? Vielleicht gibt es ja Väter, die ähnliche Probleme haben, wie Du? Könnte man vielleicht versuchen, so etwas selber zu organisieren und zusammen mit mehreren was auf die Beine zu stellen, was keine Unterstützung von Kirchen oder anderen Verbänden hat? Wir selber sind nur ein kleiner, und sehr junger Verein, aber ich könnte mir vorstellen, dass man zunächst mal etwas Kleines auch selber auf die Beine stellen könnte.

Hanno

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Re: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« Antwort #2 am: 2015-03-22, 13:58:53 »
Hey René,
Du kannst Dich ja im Vorfeld darüber informieren, was genau auf dem Programm steht, und dann entscheiden, ob die Teilnahme für Dich und Deine Tochter zumutbar ist. Je nach dem, wie alt Deine Tochter ist, könntest Du den kirchlichen Teil auch als eine Art Lehrveranstaltung für sie sehen – so ein Kirchengang ist ja eine Erfahrung, die man ruhig mal machen kann. Wenn ich Deinem Post entnehmen darf, dass Deine Tochter jünger als sechs Jahre ist, wird sie bestimmt viele Fragen dazu haben, die Du dann beantworten kannst.

Bedenken, die Mittel der Kirche zu "missbrauchen" hätte ich keine – die Kirche missbraucht ja in aller Regel eher meine Mittel. Ähm, bzw. nimmt sie ungerechtfertigterweise in Anspruch. Was für ein geladener Begriff das Wörtchen "Missbrauch" in diesem Kontext doch ist...
Die Legitimation der Kirche als soziale Einrichtung würde mir schon mehr Sorgen machen. Allerdings denke ich, gibt es bessere Mittel, diese Situation anzugehen, als diesen Vater-Tochter-Wochenenden fern zu bleiben. Ich an Deiner Stelle würde es ruhig mal ausprobieren. Kann mir gut vorstellen, dass viele der anderen Väter/Töchter ebenfalls größeres Interesse an der Gemeinschaft, als an kirchlichen Inhalten haben.

...schrieb Hanno, der vor ca. 10 Jahren mal mit dem CVJM in Italien war.

René

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Re: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« Antwort #3 am: 2015-03-22, 16:52:09 »
Danke schon einmal für eure Antworten! Ich wollte die Frage nicht durch Abstimmung „beantworten“, sondern eher humorvoll ein in diesem Forum noch nicht benutztes Format ausprobieren.

Wie ich sehe, gibt es zu der Frage schon durchaus unterschiedliche Sichtweisen. Das macht es für uns um so spannender, wie wir außerhalb unserer GBS-Aktivitäten damit umgehen, dass die Kirche eben viele Funktionen in unserer Gesellschaft übernimmt. Denn auch wenn uns sicher allen lieber wäre, dass ein nicht-konfessioneller Träger das macht, so wird ein Vater-Kind-Wochenende ja nicht deshalb schlecht (für das Kind), weil die Kirche es veranstaltet.

Ich tendiere dazu, die Angebote der Kirche als mir durchaus zugänglich zu sehen, da sie immer auch eine starke weltliche Komponente haben (wie in einer der Fragealternativen angedeutet: die Religion spielt für die oft gar nicht so die Rolle. Ich habe sogar schon von atheistischen evangelischen Pfarrern gehört. Da hat die Kirche vielleicht auch ein Problem in den eigenen Reihen).

Ganz easy finde ich es aber trotzdem nicht, dann teilzunehmen – weil man eben, wie Rüdiger richtig sagt, teilweise Fremdkörper ist, und weil natürlich schon latentes Streitpotential lauert, dass auch an so einem Vater-Kind-Wochenende einmal durchbrechen könnte. Außerdem finde ich es den Kirchenleuten gegenüber ein bisschen link, einerseits sozusagen an ihrer Entmachtung zu arbeiten (GBS), und andererseits ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Aber das folgt vielleicht einfach aus den Strukturen, die sich durchgesetzt haben und in denen die Kirche eben noch mächtig ist.

Wichtig ist mir, dass ich die in der Kirche aktiven Leute nicht verurteile – es sind immerhin oft Sinnsucher bzw. Postmaterialisten – sondern auch zu ihnen in Kontakt bleibe. Deswegen wäre eine Strategie, die Kirche zu meiden, m.E. suboptimal.

Ob wir ein eigenes Vater-Kind-Wochenende hinkriegen würden, oder ob es so etwas GBS-nah (HDV?) gibt, können wir demnächst ja einmal besprechen!

Rüdiger Ludwig

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Re: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« Antwort #4 am: 2015-03-22, 17:20:45 »
Es ist die Frage, wer wen auf so einer Freizeit ausnutzt. Ich neige eher dazu, dass die Kirche Dein Bedarf nach gemeinsamen, ruhigen Zeiten mit Deiner Tochter ausnutzt, um subtil ihre "Botschaft der Nächstenliebe" rüber zu bringen, und nicht, dass Du die Gastfreundschaft von ihnen ausnutzt. Das allermindeste, was Du machst, wenn Du daran teilnimmst, ist eine weitere Zahl der Menschen, denen durch die gütige Kirche geholfen wird, hinzuzufügen. Ähnlich wie bei konfessionellen Krankenhäusern, die von den Kirchen auch genutzt werden, um ihre Aufopferung für die Gesellschaft darzustellen, ohne, dass sie dies wirklich tun.

Als Skeptiker und Humanist sehe ich mich ansonsten auch nicht in der Position, "gegen" die Kirche und ihre Mitglieder zu arbeiten. Vielmehr will ich gegen die Privilegien arbeiten, die ja an dieser Stelle keine Rolle spielen.

Robert

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Re: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« Antwort #5 am: 2015-03-22, 18:09:46 »
Es hat mich auch oft von der Teilnahme abgehalten, dass bei verschiedenen sozialen Angeboten der Kirche sehr oft der religiöse Teil fest integriert ist. Das kenne ich auch noch aus meiner Konfirmandenzeit. Oft hatte ich das Gefühl, dass Gemeinschaft, Spaß oder Wohlfahrt nicht für sich selbst stehen dürfen, sondern immer dazu dienen sich gegenseitig im Glauben zu bestärken oder Gott Ehre zu erweisen. Letztlich ist das Programm auch irgendwie Hausrecht des Anbieters, auch wenn die Veranstaltungsfinanzierung sicherlich auch zu einem guten Teil direkt (Teilnehmerbeiträge) oder indirekt (öffentliche Mittel in der Kirchenfinanzierung) nicht von der Kirche kommt.

Weiß nicht ob es das Angebot ist, das du im Blick hast:

Wir nehmen uns Zeit, zuallererst die Wünsche unserer Kinder wahrzunehmen. Gemeinsames Spielen, Basteln, Lagerfeuer, Nachtwanderung und Gruselgang, Musizieren und Sport gehören natürlich dazu. Alle weiteren Unternehmungen und Abenteuer werden gemeinsam geplant. Alle Mitglieder der Gruppe übernehmen Verantwortung und bereichern mit ihrem Können und ihren Aktivitäten die Gruppe. So wächst ein bunter Strauß an Erlebnissen, zu dem immer auch die gemeinsam entwickelte Andacht mit den Kindern gehört. Die Abende bieten Raum, die Erlebnisse mit den Kindern und eigene Themen im Kreis der Männer zu reflektieren.

Der religiöse Anteil kann aber auch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und es spricht nichts dagegen, es zumindest mal auszuprobieren.
So war ich schon öfter bei Spieleabenden der Hochschulgemeinden. Ich hab mir zwar meinen Teil gedacht angesichts der edlen Raumeinrichtung in der khg, dem dicken Schrank voller Spiele und den teuren Snacks auf dem Tisch. Aber Religion war dabei nie ein Thema und es waren einfach Abende mit netten Menschen.
« Letzte Änderung: 2015-03-22, 18:11:37 von Robert »

René

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Re: Teilnahme an Kirchenfreizeiten?
« Antwort #6 am: 2015-03-23, 20:16:44 »
Die khg gibt sich oft sehr säkular! Meine einprägsamste Erinnerung in dieser Richtung ist das Tango-Open-Air letzten Sommer, als alle nach 23 Uhr in der ausgeräumten Kirche tanzen durften (das Gestühl war wegen Renovierung ausgeräumt). An die Wand wurde ein rot lodernder Schriftzug „Tango“ projiziert, sonst war es in der Halle eher schummrig wie in einer Hafenspelunke. Das alles hatte eher diabolische Anmutung, es hätte nur noch gefehlt, dass die Kreuze umgekehrt hingen. Alles in allem eine sehr positive Erinnerung. Das Gefühl, nur zu Gast zu sein, sich nach einem kirchlichen Hausrecht zu richten, blieb natürlich. Es ist ja auch ok, dass die Kirche bestimmt, was sie in ihren Räumen macht und was nicht. Aber ich sehe es wie ihr: Wenn es sich um ‚durchlaufende Finanzmittel‘ handelt, sollte nicht der ganzen Sache ein religiöser Stempel aufgedrückt werden dürfen: Die Aufgesetztheit ist ja oft auch offensichtlich, als ob es Gemeinschaft und Nächstenliebe nur im Namen Jesu gäbe…